ARKANUM 17 / ~20 MIN. LESEZEIT / SEITEN DER ENGLISCHEN VORLAGE 251–273
Sehen, bevor man rechnet
Die ersten Maschinen
Ich musste immer sehen, bevor ich rechnete. Das ist keine Redensart. Es ist vermutlich eine der ältesten Eigenschaften meiner Denkweise. Vor den Zahlen, vor den Gleichungen, vor den Codezeilen muss etwas in meinem Geist Gestalt annehmen.
Ich muss darum herumgehen können. Seine Massen verstehen. Sehen, was vorn, hinten, oben liegt. Die Elemente gedanklich verschieben, bis ein Zusammenhang erscheint. Erst dann kommen die Instrumente hinzu.
Die Berechnung überprüft.
Die Technik misst.
Der Ingenieur kontrolliert.
Die Maschine führt aus.
Aber die erste Geste liegt anderswo. Sie liegt in dieser seltsamen Fähigkeit, eine Form zu konstruieren, bevor sie existiert.
Ende der 1980er-Jahre begegnete diese Intuition einer Technologie, die mein Verhältnis zu Bildern tiefgreifend verändern sollte. Sie hieß Lumière 999. Ich habe sie nicht allein gebaut. Ich möchte, dass dies präzise festgehalten wird, denn Technikgeschichten haben die bedauerliche Neigung, mit der Zeit einen einsamen Erfinder hervorzubringen. François Moillo spielte bei ihrem Entwurf und ihrer Entwicklung eine entscheidende Rolle.
François spielte für meine Bildung eine weit tiefere Rolle, als die Geschichte einer Grafik-Workstation allein vermuten ließe. Über viele Jahre vermittelte er mir ein außerordentlich konkretes Wissen über Kunst: Materialien, Techniken, Verfahren, Veränderungen, Begutachtung, Fälschungen, Fälscher und die Art, wie ein Kunstwerk in seinem eigenen Körper die Spur seiner Herstellung trägt.
Er konnte ein Material betrachten und beinahe sofort sagen, was mit ihm geschehen war. Er wusste, dass sich ein Bild niemals auf das reduzieren lässt, was es darstellt.
Es hat eine Haut.
Eine Geschichte.
Eine Chemie.
Ein Licht.
Eine Technik.
Eine Abfolge von Gesten.
Der Umgang mit ihm veränderte meinen Blick. Um ein Bild zu verstehen, musste man sehen lernen, was hinter dem Bild lag.
Wir befanden uns damals an einem sehr besonderen Punkt der Computergeschichte. Die breite Öffentlichkeit begann, Personal Computer zu entdecken, die verglichen mit dem, womit wir heute umgehen, noch äußerst begrenzt waren.
Das digitale Bild, wie wir es heute kennen, war noch nicht alltäglich geworden. Ein Foto war nichts, was man augenblicklich von einem Telefon auf ein anderes übertrug.
Mit einem Bild von sehr hoher Auflösung zu arbeiten bedeutete, sich mit erheblichen Datenmengen, knappem Speicher, Rechenzeiten und speziellen Peripheriegeräten auseinanderzusetzen. Genau das zog mich an. Eine Technologie hat mich nie allein deshalb fasziniert, weil sie neu war. Sie interessierte mich, wenn sie etwas sichtbar machen konnte, das bis dahin unsichtbar geblieben war.
Mit François begannen wir, an Grafikwerkzeugen zu arbeiten, die für die damalige Zeit äußerst fortschrittlich waren. Einige der technologischen Bausteine, die uns zur Verfügung standen, kamen aus dem Umfeld von Matra und aus der Übertragung besonders ausgefeilter Technologien der Grafikverarbeitung und Erkennung in zivile Anwendungen.
Heute lasse ich militärische Fantasien lieber beiseite. Sie fügen Spektakel hinzu und nehmen oft Verständnis weg. Mich interessierte etwas viel Einfacheres: Techniken, die in hoch entwickelten industriellen Umgebungen entstanden waren, wurden verfügbar, um Bilder anders zu denken. Was konnten wir mit ihnen tun? Das war die Frage.
Wir nannten diese Architektur Lumière 999. Die Zahl war kein Zufall. 999 sollte mich lange begleiten. Viel später sollte sie im initiatischen Film der demeure du chaos wiederkehren.
Damals aber bezeichnete sie zunächst eine Maschine, oder genauer: eine neue Art, die kreative Arbeitskette zu denken. Ein Satz aus unseren damaligen Unterlagen fasst es vollkommen zusammen: Die Grafik-Workstation Lumière 999 war dafür konzipiert worden, alles entwerfen zu können, von der groben Skizze bis zum vollendeten Kunstwerk.
Alles war bereits da. Ich wollte kein spezialisiertes Werkzeug bauen, das auf einen einzigen Beruf beschränkt war. Ich wollte eine Maschine, die die Bewegung einer Idee bis zu ihrer beinahe endgültigen Form begleiten konnte.
Ein Gebäude, ein Boot, eine Industriemaschine, eine Verpackung, eine Karte, ein Plakat, ein Buch, ein Gegenstand, ein Bild oder eine Platzierung in einer Landschaft: Alles konnte derselben Logik folgen. Die digitale Technik sollte nicht mehr bloß zeichnen, was bereits existierte. Sie musste sichtbar machen können, was noch nicht existierte.
Heute sind wir so sehr an Simulationen, 3D-Darstellungen, virtuelle Architekturen und generierte Bilder gewöhnt, dass wir vergessen, was dieser Gedanke Ende der 1980er-Jahre bedeutete. Ein Projekt zu sehen, bevor es gebaut wurde, veränderte das Verhältnis zum Entscheiden.
Man konnte ausprobieren.
Verschieben.
Ein Material austauschen.
Eine Farbe ändern.
Eine Perspektive verwandeln.
Zurückgehen.
Mehrere Zukünfte vergleichen.
Die Kosten des Fehlers veränderten ihren Charakter, weil ein Teil des Fehlers nun im Bild auftreten konnte, bevor er in der wirklichen Materie auftrat. Genau das suchte ich.
Sehen, bevor man baut.
Sehen, bevor man produziert.
Sehen, bevor man endgültig rechnet.
Wir arbeiteten zugleich mit zwei Welten, die mitunter zu Unrecht einander entgegengesetzt werden: Vektor und Raster.
Der Vektor konstruierte die Geometrie.
Die Linien.
Die Kurven.
Die Volumen.
Die berechenbaren Konturen.
Das Raster brachte eine andere Dimension ein: die fotografische Materie, das Pixel, die Textur, alles, was sich der reinen Geometrie widersetzt. Die beiden mussten miteinander ins Gespräch gebracht werden. Ein vollkommen vektorisiertes Objekt kann technisch korrekt und visuell tot sein. Die Wirklichkeit ist niemals vollkommen sauber. Es gibt Zufälle.
Ein Licht.
Einen Schatten.
Eine Spur.
Vegetation.
Haut.
Eine menschliche Präsenz.
Oft macht gerade die Unvollkommenheit ein Bild glaubwürdig. Diese Lehre blieb mir. Viel später sollte sie mir bei der künstlichen Intelligenz wiederbegegnen. Ein Modell kann etwas mathematisch Plausibles erzeugen, ohne etwas hervorzubringen, das unsere Augen als lebendig annehmen. Zwischen berechneter Stimmigkeit und wahrgenommener Wahrheit liegt ein sehr viel komplexeres Territorium.
Wir arbeiteten an monochromen Bildschirmen mit einer Auflösung, die in meiner Erinnerung für diese Zeit außergewöhnlich bleibt, in manchen Konfigurationen in der Größenordnung von 4.000 mal 6.000 Pixeln. Ich nenne diese Zahl bewusst als technische Erinnerung, nicht als beglaubigte Spezifikation, die ich vierzig Jahre später angeblich noch bis auf das letzte Pixel im Gedächtnis hätte.
Aber die Größenordnung sagt etwas aus. Wir waren sehr weit von der gewöhnlichen Computerbildverarbeitung jener Zeit entfernt.
Diese Bildschirme waren monochrom. Das überrascht heute. Man könnte meinen, für die Herstellung eines Farbbildes sei ein Farbbildschirm nötig. Keineswegs. Farbe ließ sich zerlegen. Wir arbeiteten getrennt an den roten, grünen und blauen Durchgängen. RGB. Nicht CMYK.
Jede Komponente konnte ihre eigene Verarbeitung, ihre eigenen Berechnungen und ihre eigenen Korrekturen durchlaufen. Anschließend wurden die drei Informationsbestände wieder zusammengeführt. Die endgültige Farbe war also das Ergebnis einer Abfolge von Operationen, die das Auge während ihrer Ausführung niemals gleichzeitig sah.
Diese Arbeitsweise lehrte mich viel. Sie zeigte, dass das, was wir ein Bild nennen, bereits eine Rekonstruktion ist. Wir glauben, eine Einheit zu sehen. Die Maschine sieht Komponenten. Wir glauben, eine Farbe unmittelbar wahrzunehmen. Das System zerlegt sie.
Wir glauben, das Bild stehe einfach vor uns. In Wirklichkeit wird es durch eine Reihe unsichtbarer Operationen hervorgebracht. Diese technische Entdeckung verband sich mit etwas, das ich intuitiv bereits wusste: Das Sichtbare ist immer die Oberfläche einer unsichtbaren Architektur.
Einige Bilder konnten Datenmengen erreichen, die meiner Erinnerung nach bei bis zu 330 Megabyte lagen; setzt man dies wieder in Beziehung zu den damaligen Rechenkapazitäten, verändert sich die Wahrnehmung dieser Erfahrung völlig. Dreihundert Megabyte bedeuten heute fast nichts. Damals war das gewaltig.
Man musste über die Speicherung nachdenken.
Die Übertragung.
Den Arbeitsspeicher.
Die Verarbeitung.
Das Warten.
Die Ausgabe.
Die kleinste Operation brauchte einen Grund. Man startete nicht aus Zerstreutheit hundert Varianten. Jede Berechnung hatte Gewicht. Diese Beschränkung konnte belastend erscheinen. Sie hatte auch eine Tugend. Sie zwang dazu, vor dem Handeln nachzudenken.
Sehen, bevor man rechnet, bedeutete nicht, die Berechnung abzulehnen. Es bedeutete, zu wissen, welche Richtung man ihr geben wollte.
Die Ausgabe war ein Abenteuer für sich. Wir konnten bis zur Herstellung von Bildern arbeiten, die für eine hochwertige fotografische Ausgabe bestimmt waren, insbesondere auf großformatigem Ektachrome.
Das Bild verließ dann die Maschine. Es wurde wieder zu Licht. Dann zu Chemie. Dann zu Materie. Dieser Übergang faszinierte mich. Die digitale Technik schaffte ältere Techniken nicht ab. Sie verband sich mit ihnen. Zahlenfolgen endeten auf einer fotografischen Emulsion, die man in den Händen halten konnte.
Ich habe diese Zustandswechsel immer geliebt.
Eine Idee wird zu einer Zahl.
Die Zahl wird zu Licht.
Licht wird zu Materie.
Materie wird zu einem Bild.
Und das Bild kehrt zum Auge eines Menschen zurück.
Dieser Kreislauf bildet bereits eine Philosophie der Information.
François Moillo trug außerordentlich viel zu meinem Verständnis davon bei. Er dachte wissenschaftlich genug, um sich niemals der Unschärfe hinzugeben, und war Künstler genug, um zu wissen, dass eine exakte Messung ein Bild niemals ausschöpft. Diese doppelte Eigenschaft interessierte mich.
Ich mochte die vereinfachende Trennung zwischen Technikern und Künstlern noch nie. Sie wird oft von Menschen vorgenommen, die von beiden Welten wenig verstehen. Leonardo da Vinci hätte diese Trennung vermutlich nicht verstanden. Eine Perspektive konstruieren, Optik studieren, einen Körper sezieren, eine Strömung beobachten oder ein Gesicht malen: All das gehörte für ihn zu derselben Tätigkeit des Erkennens.
Mit den Lumière-Stationen fand ich etwas von dieser Einheit wieder. Die Maschine war nicht der Feind der Kunst. Sie bildete ein neues Labor für das Auge.
In dieser Zeit begegnete unsere Arbeit an digitalen Bildern auch auf beinahe schwindelerregende Weise den Ursprüngen des Kinos selbst. Ich kam Bernard Chardère näher, dessen Wissen über Filmgeschichte und das Erbe der Lumières gewaltig war. Wir arbeiteten an den Lumière-Filmen und den Originalmaterialien.
Und wieder war meine Reaktion dieselbe wie in jedem Gebiet, dem ich mich zuwandte. Ich wollte die Quelle sehen. Nicht bloß den Kommentar zur Quelle.
Das Dokument.
Das Filmmaterial.
Das Einzelbild.
Den physischen Gegenstand.
Diese Obsession sollte mein ganzes Leben durchziehen.
Beim Recht gehe ich zum Text.
Beim Kunstmarkt zum Auktionskatalog.
Bei einer Signatur zum Strich.
Bei einem Gebäude zum Archiv.
Beim Kino zum Film.
Ich misstraue aufeinanderfolgenden Schichten der Interpretation, wenn sie uns am Ende vergessen lassen, was sie interpretieren.
Bei den Lumière-Filmen bekam diese Methode einen beinahe physischen Sinn. Es genügte nicht, zu sagen, eine Fassung sei älter als eine andere. Wir mussten nach Indizien suchen.
Vergleichen.
Die Unterschiede betrachten.
Die Einzelbilder studieren.
Die Schatten untersuchen.
Die Kleidung.
Das Licht.
Die architektonischen Elemente.
Die Aufschriften.
Das, was im Bild erschien, mit dem vergleichen, was sich anhand der Archive feststellen ließ. Ein Teil dieser Arbeit trug dazu bei, die Geschichte der verschiedenen Fassungen von Arbeiter verlassen die Lumière-Werke zu dokumentieren und die von der Forschung anerkannte Identifizierung der Fassung vom 19. März 1895 als früheste bekannte Fassung zu stützen.
Ich möchte diese vorsichtige Formulierung bewahren. Die persönliche Erinnerung liebt Gewissheiten. Die Geschichte verlangt Belege. Vierzig Jahre später möchte ich aus einer großartigen Erinnerung keine Behauptung machen, die über das hinausgeht, was die Dokumente belegen.
Mehr interessiert mich die Methode. Wir nutzten einige der fortschrittlichsten Technologien, die uns zur Verfügung standen, um Bilder aus der allerersten Zeit des Kinos zu befragen.
Diese Begegnung bewegt mich noch immer, wenn ich an sie denke. Auf der einen Seite einige Dutzend Sekunden, Ende des neunzehnten Jahrhunderts in Lyon gefilmt. Auf der anderen digitale Systeme, die eine grundlegend neue Art ankündigten, Bilder herzustellen und zu untersuchen. Fast ein Jahrhundert trennte beide. Und doch trafen sie sich auf demselben Bildschirm.
Ich glaube, damals gewann der Name Lumière für mich seine ganze Tiefe. Er war keine kommerzielle Verpackung. Es gab eine Traditionslinie. Die Brüder Lumière hatten das Verhältnis der Menschheit zum bewegten Bild verändert.
Wir betraten ein anderes Zeitalter, in dem das Bild berechenbar werden konnte: veränderbar, zerlegbar, interpolierbar, als Information übertragbar, durch Berechnung restaurierbar und dann wieder zusammensetzbar.
Dasselbe Wort verband zwei Schwellen. Lumière. Physisches Licht, das Film belichtet. Dann aus Daten rekonstruiertes Licht. Darin lag etwas zu Genaues, als dass es bloß ein Produktname hätte sein können.
Wir arbeiteten auch an Verfahren, mit denen sich Bilder mit begrenzter ursprünglicher Auflösung vergrößern, interpolieren und verarbeiten ließen. Das Wort Upscaling ist heute geläufig. Heutige Systeme, insbesondere solche mit künstlicher Intelligenz, führen ungleich leistungsfähigere Operationen aus als jene, die uns zur Verfügung standen.
Vor allem möchte ich keinen Anachronismus erzeugen. Selbstverständlich verfügten wir nicht über die heutigen generativen Modelle.
Aber die gedankliche Frage war bereits da:
Was lässt sich zwischen den vorhandenen Informationen vernünftigerweise rekonstruieren?
Das ist eine gewaltige Frage.
Wenn man ein Bild vergrößert, kann man nicht auf magische Weise eine Wahrheit erzeugen, die in der Quelle nicht existiert.
Man kann rechnen.
Interpolieren.
Vergleichen.
Kontinuitäten abschätzen.
Bestimmte Strukturen verstärken.
Aber in jedem Augenblick entsteht eine Grenze zwischen dem, was das Bild enthält, und dem, was das System hinzufügt. Ich konnte es damals nicht wissen, aber diese Grenze sollte zu einer der großen philosophischen Fragen der generativen künstlichen Intelligenz werden.
Ab wann hört Rekonstruktion auf, Wiederherstellung zu sein? Ab wann wird sie zur Erfindung? Und wann wird die Erfindung so plausibel, dass wir vergessen, dass sie im Original nicht vorhanden war?
Wir begegneten bereits, in einer ursprünglichen Form, dem Problem des Beweises.
Ein Bild ist niemals unschuldig.
Es kann korrigiert werden.
Verwandelt.
Beschnitten.
Interpoliert.
Neu eingefärbt.
Montiert.
Sobald das Bild zu Daten wird, gewinnt es neue Macht, verliert aber zugleich einen Teil der Unschuld, die das zwanzigste Jahrhundert ihm zugeschrieben hatte. Lange sagte man: „Ich habe es auf dem Foto gesehen.“ Als genüge dieser Satz. Die digitale Technik sollte diese Gewissheit zerstören.
Ich glaube, ich begriff sehr früh, dass das Bild nach und nach aufhören würde, an sich ein Beweis zu sein. Je mächtiger die Werkzeuge seiner Herstellung würden, desto notwendiger würde es, zu wissen, woher das Bild kam.
Wer es hergestellt hatte.
Wann.
Aus welcher Quelle.
Mit welchen Veränderungen.
Diese Frage sollte mich bis zu Artprice begleiten.
Das Bild eines Kunstwerks ist niemals bloß eine Illustration.
Es kann zu einem Element der Identifizierung werden.
Des Vergleichs.
Der Provenienz.
Der Begutachtung.
Aber nur, wenn wir wissen, was es ist und woher es kommt. Diese Frage sollte mich auch bis zur demeure du chaos begleiten, die zu einer gigantischen Maschine für die Herstellung, Ansammlung und Gegenüberstellung von Bildern der Zeitgeschichte werden sollte. Und sie begleitet mich heute bei der künstlichen Intelligenz, in einem Augenblick, in dem ein Bild, das niemals existiert hat, in wenigen Sekunden mit einem außerordentlichen Grad an Plausibilität erzeugt werden kann.
Wenn ich diese Kontinuität betrachte, verstehe ich, dass die Lumière-Stationen weit mehr waren als ein technologisches Abenteuer. Sie waren eine Schule des Zweifels. Sie lehrten mich, dass ein Bild als Konstruktion betrachtet werden muss. Dass seine Schönheit nichts über seine Wahrheit aussagt. Dass seine Präzision seinen Ursprung nicht garantiert. Dass Auflösung kein Wissen ist.
Und vor allem, dass mehr zu sehen nicht automatisch bedeutet, mehr zu verstehen. Man muss wissen, was man betrachtet.
In dieser Lehre finde ich François wieder. Sein Wissen über Fälschungen und künstlerische Techniken verband sich ganz selbstverständlich mit dieser Überlegung. Um eine Fälschung zu verstehen, genügt es nicht, den Stil eines Künstlers zu kennen. Man muss verstehen, wie sie hergestellt wurde.
Den Bildträger.
Das Pigment.
Das Material.
Das Werkzeug.
Die Alterung.
Die Gewohnheiten.
Die Zufälle.
Alles, was dem allgemeinen Bild entgeht und zur Tiefe des Gegenstands gehört. Das Auge muss lernen, mehrere Schichten zugleich zu lesen. Das tat auch die Maschine.
Sie zerlegte.
Isolierte.
Maß.
Verglich.
Der Mensch und die Berechnung konnten einander dann ergänzen. Ich glaube, hier beginnt wirklich mein Verhältnis zu dem, was wir heute künstliche Intelligenz nennen.
Ich würde mich sehr davor hüten, zu sagen, Lumière 999 sei KI im heutigen Sinn gewesen. Aber ich arbeitete bereits in einer Welt, in der eine Maschine an Vorgängen der Erkennung, Verarbeitung, Interpolation, Simulation und Entscheidungsfindung im Zusammenhang mit einem Bild mitwirken konnte.
Das veränderte zwangsläufig unsere Denkweise. Die Maschine hörte nach und nach auf, bloß ein arithmetisches Werkzeug zu sein. Sie wurde zu einer Helferin des Sehens. Und sobald eine Maschine am Sehen mitzuwirken beginnt, taucht unmittelbar eine neue Frage auf:
Was sieht sie, das ich nicht sehe?
Dann ihr Spiegelbild:
Was sehe ich, das sie niemals auf diese Weise messen können wird?
Vielleicht ist das gesamte Verhältnis zwischen dem Menschen und der künstlichen Intelligenz bereits in diesem Abstand enthalten.
Eine Maschine kann Millionen von Pixeln vergleichen.
Ein Mensch kann vor einem Schatten innehalten.
Sie kann eine Kontinuität messen.
Er kann eine Anomalie spüren, ohne sie schon benennen zu können.
Sie kann Regelmäßigkeiten erkennen.
Er kann verstehen, dass gerade die Unregelmäßigkeit entscheidend ist.
Der Fehler besteht darin, zu fragen, wer von beiden gewinnen soll. Das ist nicht die richtige Frage. Die Frage ist, wie ihre Wahrnehmungsformen einander ergänzen können, ohne dass die eine die Verantwortung der anderen zerstört.
Dieses Prinzip ist in allem, was ich aufgebaut habe, unverändert geblieben. Ich wollte nie, dass die Technik den Historiker ersetzt. Ich wollte, dass sie dem Historiker erlaubt, weiter zu sehen. Ich wollte nie, dass sie den Experten ersetzt. Ich wollte, dass sie dem Experten erlaubt, mehr Spuren zu vergleichen. Ich wollte nie, dass sie den Künstler ersetzt. Ich wollte, dass sie dem Künstler Zugang zu Formen gibt, die zuvor unmöglich gewesen waren.
Die Maschine wird gefährlich, wenn wir ihr die Verantwortung übertragen, an unserer Stelle zu denken. Sie wird außergewöhnlich, wenn sie das Territorium erweitert, innerhalb dessen wir denken können.
Genau das empfand ich vor diesen ersten Bildern.
Wir konnten ein Gebäude sehen, bevor es gebaut wurde.
Einen Gegenstand, bevor er hergestellt wurde.
Eine Landschaft nach einer Verwandlung, die noch nicht stattgefunden hatte.
Eine alte Fotografie in einem Maßstab, den sie nie gekannt hatte.
Eine rote, grüne oder blaue Komponente, von den anderen getrennt.
Ein Satellitenbild als Territorium von Daten.
Die sichtbare Welt offenbarte sich plötzlich als etwas, das sich zerlegen und wieder zusammensetzen ließ. Das hätte zu einer Faszination für die Technik um ihrer selbst willen führen können. In mir erzeugte es stattdessen ein philosophisches Unbehagen. Wenn sich die Welt in Daten zerlegen und dann rekonstruieren lässt, was garantiert dann noch, dass ihre Rekonstruktion die Welt ist?
Diese Frage ist immer größer geworden. Heute steht sie im Zentrum unserer Zivilisation. Wir betreten eine Zeit, in der die Unterscheidung zwischen Aufgenommenem und Generiertem dem Auge allein mitunter nicht mehr zugänglich ist. Synthetische Bilder sind nicht mehr an ihrer Dürftigkeit zu erkennen. Sie können die Fotografie inzwischen in ihrer Verführungskraft übertreffen.
Wir werden deshalb das Vertrauen, das wir einst in das Auge setzten, anderswo neu aufbauen müssen.
In den Quellen.
In der Rückverfolgbarkeit.
In den Metadaten.
In der Beweismittelkette.
In der Gegenüberstellung.
In der kontradiktorischen Beweisführung. Das ist genau dieselbe Logik, die mich bei den Dokumentationsdatenbanken dazu brachte, eine Information niemals von ihrem Ursprung zu trennen. Das Bild gehört zu dieser Architektur des Wissens.
Wir hatten gelernt, Wissen bewohnbar zu machen. Wir hatten gelernt, dass Information zu Materie werden konnte. Mit Lumière 999 gewann diese Materie eine zusätzliche Dimension. Sie konnte sichtbar werden, bevor sie existierte.
Heute wird mir bewusst, wie sehr diese Erfahrung die Art vorbereitete, in der ich die demeure du chaos bauen sollte.
Jahrelang konnte ich mich gedanklich durch Räume bewegen, die noch nicht umgestaltet worden waren.
Massen positionieren.
Beziehungen vorwegnehmen.
Sehen, wie eine Skulptur mit einer anderen in Dialog treten würde.
Spüren, dass eine Perspektive funktionieren würde oder dass sie zerstört werden musste.
Die Berechnung und die Fachleute kamen dann hinzu, um zu überprüfen, was die räumliche Intuition hervorgebracht hatte. Ich behaupte niemals, dass die Intuition einen Ingenieur ersetzt. Sie gibt dem Ingenieur etwas zu überprüfen. Darin liegt der ganze Unterschied. Ich verlange von der Berechnung nicht, meine Vision zu erschaffen. Ich verlange von ihr, mir zu sagen, ob die physische Welt sie annehmen wird.
Deshalb hat „sehen, bevor man rechnet“ niemals Verachtung für die Wissenschaft bedeutet. Ganz im Gegenteil. Um eine Messung wirklich zu achten, muss man wissen, was man von ihr gemessen haben will. Die Vision formuliert das Problem. Die Wissenschaft prüft seine Möglichkeit. Die Technik baut den Durchgang.
Dieses Bündnis sollte mich überall begleiten.
In den Datenbanken.
Bei Groupe Serveur.
Bei Artprice.
In der Bildhauerei.
In der Architektur.
In der demeure du chaos.
Und heute in meinem Verhältnis zur künstlichen Intelligenz.
Die Lumière-Erfahrung lehrte mich noch etwas anderes: Die fortschrittlichsten Technologien werden faszinierend, wenn sie dem Gedächtnis begegnen. Wir hätten uns darauf beschränken können, Bilder der Zukunft herzustellen. Wir nutzten diese Werkzeuge auch, um zu den frühesten Bildern des Kinos zurückzukehren.
In dieser Geste liegt vermutlich mein gesamter Weg. Ich glaube nicht an einen Fortschritt, der das auslöscht, was ihm vorausging. Ich glaube an eine Technik, die unsere Fähigkeit vergrößert, das zu befragen, was vor uns war. Die Zukunft interessiert mich nur, wenn sie ein Gedächtnis hat. Sonst ist sie bloß Beschleunigung.
Vielleicht ist mir der Name Lumière deshalb geblieben.
Er brachte Wissenschaft und Kunst zusammen.
Chemie und Bild.
Technik und Gedächtnis.
Erfindung und Weitergabe.
Ich erinnere mich an diese Zeit auch als eine Zeit, in der wir denen begegnen wollten, die ihr Leben dem Bild gewidmet hatten. Meine Zeit im Studio Harcourt Paris gehörte zu derselben Haltung. Ich ging nicht als jemand dorthin, der ein äußeres Zeichen der Auszeichnung suchte.
Ich sah darin einen Ort, an dem sich eine Wissenschaft des Lichts, des Gesichts und des Porträts angesammelt hatte. Ein berufliches Gedächtnis. Ein über Generationen verfeinertes Wissen. Ich habe immer eine beinahe instinktive Form von Respekt vor denen empfunden, die eine Technik wirklich beherrschen. Wahre Meisterschaft macht selten überheblich. Sie macht präzise.
Wer ein Material zutiefst kennt, ist daran zu erkennen, wie gut er weiß, dass es ihm Widerstand leisten kann.
François besaß das.
Bernard Chardère ebenfalls, auf seinem Gebiet.
Ebenso die großen Handwerker des Bildes.
Ich suchte ihre Nähe, weil ihr Wissen mich davor bewahrte, zum Gefangenen der Technik selbst zu werden. Eine neue Maschine kann sehr schnell die Illusion erzeugen, alles beginne mit ihr. Das ist falsch.
Hinter einer Bildbearbeitungssoftware liegen Jahrhunderte der Perspektive.
Hinter einer digitalen Palette Jahrhunderte der Farbenlehre.
Hinter einer Kamera die Optik.
Hinter der Optik die Physik.
Hinter der Porträtkunst eine ganze Geschichte der menschlichen Darstellung.
Technik ist niemals die Stunde null. Sie ist eine zusätzliche Schicht.
Genau deshalb ist mir das Wort Weitergabe so wichtig. François Moillo vermittelte mir nicht bloß ein Wissen, das ich später durch anderes Wissen hätte ersetzen können. Er vermittelte mir eine Art zu sehen. Das lässt sich sehr viel schwerer beziffern.
Ein Meister gibt dir nicht bloß Antworten. Er verändert die Struktur der Fragen, die du dir für den Rest deines Lebens stellen wirst. Ich glaube, genau das ist geschehen.
Wenn ich heute ein von künstlicher Intelligenz erzeugtes Bild betrachte, sieht ein Teil von mir es noch immer mit Augen, die in jenen Jahren geformt wurden.
Ich betrachte die Materie, die nicht existiert.
Die Schatten.
Die Kontinuität.
Die Unstimmigkeiten.
Das Verhältnis zwischen dem Detail und dem Ganzen.
Ich suche hinter dem Anschein nach der Herstellung. Die Technik hat sich um mehrere Größenordnungen verändert. Die innere Geste ist geblieben. Lass dich niemals vom Ergebnis hypnotisieren. Suche nach dem Verfahren.
Dieses Prinzip wird in der kommenden Welt eine neue Bedeutung gewinnen. Lange hat die Menschheit gelernt, dem Text zu misstrauen. Wir wissen, dass ein Text lügen kann. Wir wissen, dass ein Zeuge sich irren kann. Wir wissen, dass Propaganda eine Erzählung herstellen kann. Dem Bild hatten wir ein sehr viel tieferes Vertrauen bewahrt.
Es schien die physische Spur dessen zu tragen, was vor dem Objektiv gestanden hatte. Diese Zeit ist vorbei. Das Bild wird seinerseits zu einer Sprache, die mit dem Realismus eines Beweises erfinden kann. Wir werden klüger werden müssen als unsere eigenen Augen.
Ich finde das nicht tragisch. Ich finde es anspruchsvoll. Jede große Technologie nimmt uns eine unserer Formen der Naivität. Dann zwingt sie uns, ein tieferes Wissen aufzubauen.
Die Schrift lagerte das Gedächtnis nach außen aus.
Die Fotografie verwandelte die Darstellung.
Das Kino verwandelte die Zeit in ein Bild.
Die Informatik verwandelte das Bild in Daten.
Die künstliche Intelligenz verwandelt Daten nun in Möglichkeit.
Bei jedem Schritt geht etwas verloren. Bei jedem Schritt wird etwas anderes denkbar.
Wir müssen lediglich zwei spiegelbildliche Haltungen zurückweisen: die Angst vor der Technik und die Anbetung der Technik. Ich glaube an keine von beiden. Eine Technologie ist niemals ein Schicksal. Sie ist eine Macht. Und jede Macht wirft unmittelbar die Frage auf, was wir mit ihr tun werden.
Als ich 1987 vor den Lumière-999-Stationen stand, konnte ich selbstverständlich nicht die Welt kennen, die vierzig Jahre später die unsere sein würde. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass eines Tages eine Maschine augenblicklich ein Foto einer Szene erzeugen würde, die niemals stattgefunden hatte. Ich konnte nicht voraussehen, dass täglich Milliarden von Bildern hergestellt, kopiert, verändert, analysiert und über einen nahezu augenblicklich vernetzten Planeten verteilt würden.
Aber etwas konnte ich bereits sehen. Das Bild hatte gerade sein Wesen verändert. Es wurde nicht mehr bloß aufgenommen. Es wurde berechnet.
Von da an wurde alles möglich.
Staunen.
Wissen.
Simulation.
Restaurierung.
Schöpfung.
Aber auch die Fälschung.
Manipulation.
Das Verschwinden des unmittelbaren Beweises.
Dasselbe Werkzeug öffnete sich in alle Richtungen.
Vielleicht meine ich das mit Sehen, bevor man rechnet. Sehen besteht nicht bloß darin, die Form eines Gegenstands vorwegzunehmen. Es bedeutet, die Folgen eines Werkzeugs zu erahnen zu versuchen, bevor seine Macht uns zwingt, sie zu erdulden.
Selbstverständlich ist mir das nicht immer gelungen. Niemandem gelingt es immer. Aber ich habe versucht, so zu leben. Ein entstehendes System betrachten. Fragen, was daraus werden könnte. Und wenn eine Intuition stark genug erschien, mit dem Bauen beginnen, ohne darauf zu warten, dass die Welt beschließt, die Zeit sei gekommen.
Lumière 999 gehört zu dieser Geschichte. François Moillo ebenfalls. Nicht als technologische Fußnote. Als einer der Männer, die mich lehrten, dass das Auge gebildet werden kann, dass Materie spricht, dass eine Fälschung immer eine Genealogie hat und dass eine Technologie nur dann einen Sinn besitzt, wenn sie die Tiefe unseres Blicks vergrößert.
Die Maschinen haben sich verändert. Monochrome Bildschirme sind verschwunden. Dreihundert Megabyte erschrecken niemanden mehr. Die RGB-Durchgänge sind zu einer Abstraktion geworden, von der die meisten Nutzer nichts wissen. Berechnungen, die einst Geduld erforderten, geschehen augenblicklich.
Aber die Frage ist nicht gealtert. Vielleicht ist sie wichtiger geworden als je zuvor.
Was sehen wir eigentlich, wenn wir ein Bild betrachten?
Und dahinter:
Wer hat das konstruiert, was wir zu sehen glauben?
Mein ganzes Leben lang habe ich versucht, hinter die Oberfläche zu blicken. Die Lumière-Stationen waren einer der ersten Orte, an denen ich begriff, dass von nun an hinter dem Bild auch Algorithmen stehen würden.
Menschliches Denken und Dialog: thierry | Text: 100 % KI
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